Donnerstag, 18. Oktober 2012

Ein Wimpernschlag

Ich war eingeladen beim Pressefrühstück in der Berliner Galerie Deschler:
Rainer Fetting - Fotografie, anläßlich eines gleichnamigen Fotobuches, das gerade in der Edition Braus erschienen ist.

Ich habe mich bisher wenig bis gar nicht für Fetting und seine Malerei interessiert.
Warum bin ich dann zu seiner Fotografieausstellung gegangen und habe dem 2 Stunden meiner Lebenszeit gewidmet? Doch nicht weil ich selbst künstlerische Dokumentarfilme mache?!
Ganz ehrlich, es war das Bild von Manhattan und der Queensborough Bridge aus 1978, das an die Einladung angehängt war.
NYC zieht immer irgendwie, immer noch. Der Mythos NYC überstrahlt den Mythos Berlin.
Das ist einfach so, auch wenn es fast wie ein Klischee ist, dem man erliegt, dem ich erlegen bin.
Und ein wenig so waren die Fotos auch, die, so gab Fetting während des Gesprächs auch zu, gar keinen großen Anspruch und keine große Auseinandersetzung mit dem Medium Fotografie suchten, in der Zeit als sie entstanden. Erinnerungsstücke von Menschen und Orten, vielleicht auch Skizzenbuch.

So war das get together ein bischen ratlos und auch ohne große Energie.
Nostalgisch und ein wenig sentimental schaute Rainer Fetting auf die Zeit zurück, in der diese Fotos in New York und Berlin entstanden sind, als beide Städte noch rauher und offenwundiger waren, als sie es heute sind.

Und dann riss der Himmel auf: Desmond, Fotomodell von einst und immer noch ein Freund, war angereist und brachte die enorme Weltoffenheit und den Geist New Yorks in die Galerie.
Ein lebender und sehr vitaler Zeitzeuge, der besser als der etwas müde zurückblickende Fetting selbst die Bilder und damit den Geist dieser Stadt und seiner unglaublichen Einwanderergeschichten in nur ungefähr vier Sätzen lebendig machte.
Da waren plötzlich die Black Panthers und da war Gershwin und die emigrierten Juden. Wow. Soviel kultureller Reichtum blitzte da auf, soviel Kulturgeschichte. Der Kontext der Fotos lebte mit einem Schlag.

Und plötzlich wurde klar, was Fotografie sein kann und per se immer auch ist:
Ein Stück fixierte Zeitgeschichte als Wimpernschlag im großen Weltenlauf.

Thank you Desmond for being there! I was delighted to meet you.


Mittwoch, 17. Oktober 2012

Integration des Unfassbaren

"Der Versuch, den Tod als etwas Absolutes in das Leben einzugemeinden", so benannte Jenny Erpenbeck die Motivation ihres neuen Romans "Aller Tage Abend" im Lese-Café von MDR FIGARO am vergangenen Sonntag.
Wir fuhren als Familie auf der A4 zurück nach Berlin und es war tröstlich und auch gemütlich, im Autoradio diesem Gespräch zuzuhören. Ein Gespräch über mögliche Lebenswege, die das Leben den für immer Gegangenen nicht geschenkt hat, die die Literatur in Form von Geschichten aber schenken kann - über den Konjunktiv.

Ich weiß nicht, ob ich das Buch lesen werde.
Was Jenny Erpenbeck über ihren Versuch, den Tod zu erfassen, im Interview erzählte, das berührte mich fast mehr, als die gelesenen Textstellen selbst.
Hängengeblieben ist ihre Formulierung: "der Versuch, den Tod in das Leben einzugemeinden". Das begleitet mich seither.